Alexej ist 23 Jahre alt und lebt nun seit einiger Zeit bei seinem Vater in Moskau. Er mag keinen Sport, hat daher ein paar Kilos zu viel auf seinen Rippen, obwohl er Vegetarier ist. Für sein Alter wirkt er recht jugendlich, mehr wie 17. Er scheut den Kontakt zu anderen Menschen, vertieft sich mit Begeisterung in seine zahlreichen Bücher. Östliche Religionen, Naturheilkunde und die Astronomie haben es ihm angetan. Dabei trinkt er gerne süßen Tee, taucht dann völlig ab von seiner Umgebung. Allgemein ist er recht still, spricht wenig und mag es nicht ausgefragt und gefordert zu werden. Seit je her war er ein Einzelgänger.



Als Kind konnte er stundenlang allein spielen, vermißte dabei niemanden und quengelte auch nicht gegenüber seiner Mutter. Sie setzte ihn in seinen Laufstall und er machte nie Anstalten dort herauszuklettern. Für sie war er das »perfekte Baby«, wie sie dem Kinderarzt begeistert erzählt hatte, als er klein war.

Der Vater, ein mittlerweile pensionierter Armeeoffizier verließ sie, als er fünf Jahre alt war. Zur Mutter hielt er brieflichen Kontakt, so war er über Alexej auf dem Laufenden. Wirklich gekümmert hat er sich nie um ihn.

Die Mutter arbeitete hart, das Geld reichte dennoch von hinten bis vorne nicht. Die meiste Zeit seines Lebens arbeitete sie nachts in einer Fabrik, tagsüber schlief sie und überließ Alexej sich selbst. Bis vor kurzem lebten beide in einer Einzimmer-Wohnung. Küche und Bad der städtischen Wohnung mußten sie sich mit den Nachbarn im Haus teilen. Es gab also keine Privatsphäre für beide.

Mit 11 Jahren schenkte seine Mutter ihm einen kleinen Hamster, den er liebevoll versorgte, mit dem er sich täglich stundenlang beschäftigte. Leider verstarb das Tier nach nur drei Monaten plötzlich. Er zeigte wenig sichtbare Trauer, innerlich traf es ihn aber dennoch. Um ihn zu trösten, schenkte seine Mutter ihm nun einige Tropenfische. Mit diesen konnte er aber wenig anfangen. Er war innerlich erstarrt und traurig, würdigte das Aquarium keines Blickes und ließ die Fische völlig verkümmern, sah teilnahmslos zu, wie sie verhungerten.



Er wurde schon sehr früh von seinen Lehrern als Einzelgänger beschrieben und fand keinen wirklichen Anschluß an andere Kinder in der Schule. Bis zur 7. Klasse kam er mit durchschnittlichen Leistungen durch die Schule.

Er verlor zunehmend das Interesse an seinen Schulfächern, weigerte sich beharrlich am Sportunterricht teilzunehmen. Wie er schließlich, er hatte sogar deshalb zum Rektor gehen müssen, leise vor sich her murmelte, wollte er sich nicht ausziehen, gab aber keine Erklärung dafür an. Offensichtlich schämte er sich sehr. Wegen seines zunehmendem Desinteresses am Unterricht wurde er von seinen Lehren regelmäßig heftig kritisiert. Dies nahm er widerstandslos hin. Auch, daß seine Mitschüler über ihn lachten, weil er zurückgeblieben sei. Er wehrte sich nie gegen den Spott. Zog sich nur innerlich immer mehr zurück. Freunde hatte er keine, zu Hause im einzigen Zimmer schlief tagsüber seine Mutter. Er war stets einsam- aber nie allein.

Vor vier Wochen plötzlich starb seine Mutter an einem Herzanfall. Am Tag nach ihrem Tod rasierte sich Alexej den Kopf. Ein Nachbar, der Alexej und seine Mutter seit Jahren gut kannte, machte den Vater innnerhalb von Moskau ausfindig und informierte ihn. Nach 18 Jahren sah Alexej so seinen Vater unerwartet wieder und konnte bei ihm einziehen, da er ja sonst obdachlos geworden wäre. Zum ersten Mal nach so vielen Jahren begann sich der Vater um ihn zu kümmern. Er sah das für ihn völlig unverständliche Verhalten seines Sohnes, das ihn zunehmend mit Sorge erfüllte. In seiner Trauer wandte sich Alexej intensiv östlichen Trauerritualen zu. Daraufhin sah sich sein Vater das Bücherregal an, in dem er unter anderem Literatur über östliche Religionen fand.

Offensichtlich hat Alexej noch keine berufliche Perspektive für sich gefunden. Auch keine Freunde oder eine Freundin. Tagsüber liegt er im Bett und schläft, nachts sitzt er über seinen Büchern, macht sich unzählige Notizen dazu, was dem Vater völlig rätselhaft erscheint. Nie geht er vor die Tür. Sein Vater, ein ehemaliger Armeeoffizier kann und will diesem Verhalten nicht tatenlos zusehen. Er versucht immer wieder mit Alexej ins Gespräch zu kommen, was er beruflich machen will, wie er sich sein weiteres Leben vorstellt. Damit geht er Alexej auf die Nerven, denn Antworten hat dieser auf diese bohrenden Fragen selbst nicht. Und er mag es ohnehin nicht, wenn ihm solche Fragen gestellt werden. Den lästigen Versuchen seines Vaters mit ihm zu diskutieren, der sich die meiste Zeit seines Lebens nicht um ihn gekümmert hat, begegnet er mit Rückzug in sein Bett und als das nicht hilft, geht er raus und irrt ziellos durch Moskaus Straßen, bis sein Vater endlich schläft. Obwohl er sonst nie unfreundlich ist, zeigt sich Alexej sichtlich gereizt und genervt.



Schließlich bringt der Vater ihn zu einer psychiatrischen Ambulanz und will, daß er sich wenigstens untersuchen läßt.
Ein junger Psychiater setzt sich mit Alexej zusammen und begegnet ihm freundlich. Doch bald bemerkt der Arzt, daß er zu Alexej keine Verbindung aufbauen kann. Er spürt bei ihm wenig Emotion und Alexej spricht sehr wenig, möchte gar nicht wirklich antworten auf die vielen Fragen. Der Arzt muß seine Fragen mindestens zweimal stellen, um nur knappe und einsilbige Antworten zu erhalten. Der junge Psychiater nimmt Alexej für weitere Untersuchungen stationär auf, wogegen er sich nicht wehrt, wenngleich diese Idee mit den Untersuchungen nicht 'auf seinen Mist gewachsen' ist. Das einzige, was ihm aber wirklich gar nicht egal ist, sind seine Bücher. Er bittet den Arzt, auf der Station darin lesen zu dürfen und, daß sein Vater ihm einige seiner Bücher mitbringen dürfe.

Auf der Station angekommen kann Alexej zu niemandem emotionalen Kontakt aufbauen, er scheint auch wenig interessiert zu sein am Team, den anderen Patienten und dem Angebot der Station. Das Team erreicht ihn nicht, er wirkt äußerlich kühl und distanziert, ist aber nie unfreundlich. Der einzige Höhepunkt des Tages ist, wenn er Zeit hat, in seinen geliebten Büchern zu lesen, die sein Vater auf sein Bitten hin mitgebracht hat. Erst dann ist er zufrieden.

Versuchsweise wird er mit geringen Dosen von Neuroleptika behandelt, jedoch verträgt er die Nebenwirkungen nicht und ein wirklicher Erfolg stellt sich auch nicht wirklich damit ein. So werden sie wieder abgesetzt.

Alexej wird nun bescheinigt, daß er dauerhaft arbeitsunfähgig ist, zumindest auf dem 1. Arbeitsmarkt. Bei seiner Entlassung aus der Psychiatrie wird er an eine beschützende Werkstatt für Psychisch Kranke überwiesen. Er hat eine schwere Schizotypische Persönlichkeitsstörung.

Weil Alexej einige Gegenstände auf der Station vergessen hatte, fährt sein Vater einige Tage nach der Entlassung zur Klinik um sie für ihn abzuholen. Eine Krankenschwester äußert dem Vater gegenüber, sie habe schon fast Alexej's Namen vergessen und in einer Woche werde sie sich kaum mehr an sein Gesicht erinnern. Er war nicht wirklich unangenehm aufgefallen, sprach sehr wenig, suchte kaum Kontakte und niemandem war es gelungen einen herzlichen Kontakt zu ihm herzustellen.

Literatur:
Spitzer, Robert L.; Gibbon, Miriam; Skodol, Andrew E.; Williams, Janet B.W.; First, Michael B.; DSM-III-R Falldarstellungen, Beltz Verlag, 1991, S. 402-404 (Alexei)



Schizotypie Fallbeispiele



Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 31.07.2006

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